PROSA

KUNST__PAUSE - Die Webgallery für - Skulpturen - Gedichte - und - Prosa - von - Siegfried Swiderski

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Roman

Siegfried Swiderski

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Roman eines Aufbruchs

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Kapitel I

Kurz vor zehn. Der gelbe Rest im Glas war schal, im Lokal nichts, was ihn zu bleiben hielt, und zu knapp auch das Geld, um es für ein weiteres Bier auszugeben. Zeit also, zu gehen.
"Was meinst du, Harald, wollen wir noch eine rauchen und dann gehn?"
"Eigentlich ja, ist ja doch nichts los hier, und müde bin ich auch. Kommt wohl vom Gammeln. Was die bloß haben, dass die die Mühle nicht in Gang kriegen."
Harald nahm sich eine Zigarette aus der Packung, die Jürgen gerade angebrochen hatte.
"Noch kein einziges Mal an dem Gerät gearbeitet, seitdem wir hier sind."
"Gerade mal eine Woche. Ist mir im Grund aber auch nicht so wichtig. Tat ganz gut das Gammeln, nach dem letzten halben Jahr, erst bei den Stoppelhopsern und dann auf dem Lehrgang. An Bord wäre es sicher ungemütlicher."
"Aber lieber wäre dir ein Bordkommando doch auch gewesen, oder?"
"Das glaubst du ja wohl. Schließlich habe ich mir ja gerade deshalb die Marine ausgesucht."
"Noch ist ja nicht raus, dass wir hier bleiben, wenn ich Käpten Reich bei seiner Begrüßung richtig verstanden hab."
"Dann hast du das auch so gehört wie ich?"
"Ich denke, ja."
"Dann sollen die sich aber bald entscheiden, ehe ich mich hier an die Kinderschwestern gewöhnt habe. Sind sehr viele Nette dabei, wie ich so gesehen habe. Oder findest du nicht?"
"Doch, ja!"
Zu kurz diese Antwort, dachte Jürgen, der sich gerade ein mögliches neues Kommando ausmalte, und fügte schnell hinzu:
"Dann hoffen wir doch einfach, dass das Gerät noch länger streikt und uns Zeit für die Kinderschwestern lässt."
Ihre Unbekümmertheit folgte dem Rauch nach, der gerade zu den Schwaden, die im Gelb der Decke hingen, unterwegs war, und wurde mit ihm als Erstes von dem plötzlichen Wirbel erfasst, mit dem die beiden Mädchen und, in ihrem Schatten, ein Mann gleichen Alters das Lokal betraten.
Jürgen fühlte sich wie die Mitte einer Bühne, auf die die drei geradewegs zukamen und ihre Rollen zu spielen begannen, nachdem der Vorhang aufgegangen und das Rauschen des ersten Beifalls verklungen war. Völlig zu Recht, dieser Beifall, weil ihm schien, es könne, nach dieser, eine Hauptrolle nie wieder besser besetzt werden, auf keiner Bühne der Welt.
Denn dieses Gesicht, mit der Frische junger Farben, nach Frühling rochen sie, nach Salz, nach Tang und nach Meer, hinein gemalt in den Rahmen zerzauster schwarzer Haare, war die Summe aller Dinge, die ihm jemals wichtig waren. In ihm waren die Fenster, nach Nächten, Rauch und zerknülltem Papier, weit aufgerissen am Morgen, für Kühle, Luft und zwitschernde Vögel. In ihm waren die Lichter der Stadt, durch die Straßen flimmernd, über Häuser und Plätze und weit genug entfernt von der Bank im Park. Und in ihm waren die Stimmen und der Gesang aller Märchen, Wunder und Sagen, mit denen er ins Gespräch gekommen war, seit er sie von den ersten zerfledderten Seiten, die er in die Hände bekam, ablesen konnte.
Dass ihr Tisch der einzige war, an dem es noch genug freie Plätze gab, als Erkälrung für ihre Zielstrebigkeit, mit der sie auf ihn zukamen, nahm er erst wieder wahr, als sie, nach Frage, höflicher Bitte darum und lächelndem Danke, bereits Platz genommen hatten.
Erklärung hin, Erklärung her. Auch ohne diese Zufälligkeit, die Hauptrolle war besetzt. Und zu der jungen Frau, zu dem Mädchen passte alles. Die etwas eckige Figur, das etwas herbe Gesicht ebenso, wie das hochgeschlossene, dunkelgraue, mit schwarzem Leder abgesetzte halbärmelige Kleid und, im Kontrast dazu, das Rot ihrer Lippen, das mit dem der Fingernägel ihrer unruhigen Hände übereinstimmte, und vor allem anderen der Name, dieser Name Vera, auf den sie hörte, und der eigens und nur für sie gemacht zu sein schien. Und zu ihr passte schließlich auch, wie sie sich eine Locke aus der Stirn strich, etwas ziellos, um sich festzuhalten vielleicht, nach der Zigarette griff, und sich, leicht überrascht, bedankte, als er ihr, allen zuvorkommend, Feuer gab.
Schnell sein, das konnte Jürgen, besonders, wenn ihm etwas unpassend zu sein schien. Hier war es, instinktiv und ohne jeden vernünftigen Grund so empfunden, die männliche Begleitung, mit der sie aufgetreten war, höchst überflüssig diese Rolle überhaupt, und, im Gegensatz zu ihr und dem anderen Mädchen, ihrer Freundin offenbar, nicht einmal gut besetzt.
Natürlich nicht, weil Jürgen nicht wollte, dass es jemanden gab, der sie schon länger und besser kannte als er, und dass es jemanden gab, der ihre Aufmerksamkeit wieder von ihm ablenken konnte, sobald sie das Lokal verlassen würden.
Das Halbrund der Tische, das Oval der Tanzfläche, die Enge zwischen Säule, Wand und Tresen waren die Klammer, in der die Zufälligkeit dieses Augenblicks fürs Erste Halt fand. Das Einzige, was Jürgen tun konnte, die Klammer um diesen Augenblick so lange wie möglich zusammenzuhalten, war, die eben an Harald gerichteten Worte zurückzuholen. Denn was jetzt, nicht nur scheinbar, sondern mit absoluter Gewissheit, am wenigsten passte, wäre zu gehen und kein Geld mehr für noch ein Bier auszugeben.
Zwar müde noch immer, aber ohne Zögern, ließ auch Harald den Ober nicht ohne Bestellung gehen und richtete sich darauf ein, zu bleiben. Ihm war ja nicht entgangen, dass Jürgen plötzlich, ganz neu und ausgewechselt, eine Handbreit vom Boden abgehoben hatte. Um zwölf war Zapfenstreich, und weil er Jürgen mochte, trotz seiner Macken, seiner zuweilen schon seltsamen und unüblichen Art zu reden, zu denken und zu handeln, kehrte auch er die eben besprochene Absicht wortlos unter den Teppich. Gemessen an den Stunden, die sie sowieso auf der Station zubringen mussten, war das bisschen Landgang, das ihnen blieb, eigentlich ja auch viel zu kostbar, um es vorzeitig, und freiwillig noch dazu, zu verkürzen.
Und außerdem, es war auch ganz spannend, zu beobachten, wie Jürgen sich veränderte, wie ihn die Gegenwart dieses Mädchens ganz anders werden ließ, als er ihn bisher kannte. Dieses Mädchen, ganz hübsch, ein bisschen eigenwillig vielleicht, aber nicht nach seinem Geschmack, wirkte auf Jürgen wie ein Zauberer, der aus ihm, wie aus einem Hut, Dinge zum Vorschein brachte, die keiner in ihm vermutet hätte.
Harald hatte, wie alle, wenn sie über ihn redeten, und geredet wurde untereinander über jeden, und jeder hat gelernt, Gespräche dieser Art als eine Konvention hinzunehmen, arttypisch, so alt wie die Sprache selbst und vielleicht so notwendig auch, und mit ihr zu leben, von Jürgen den Eindruck einer auf Abstand bedachten Kühle.
Daran änderte auch seine Erscheinung nichts, mit der er sicher bei den Mädchen immer dann gut ankam, wenn er gerade mal nicht den Schatten dieser unsichtbaren Wand vor sich hertrug.
"Überwiegend nicht erreichbar", stand auf dem Zettel, der an die Tür gepinnt war, hinter der er sich meistens aufzuhalten schien. Allerdings hatte er ihn auch schon von seiner mitreißenden und überzeugenden Seite kennen gelernt, wenn es in ihm zu glimmen anfing wie an einer Lunte, die mit leuchtend rotem Punkt durch die Dämmerung stieß und wieder gelöscht wurde, bevor sie das Pulver im Zündloch erreichte, um es zu einer Stichflamme verbrennen zu lassen.
In seinen Augen fing es an, als regne es Licht, das wie eine Flut glitzernder Sterne den Horizont seiner graublauen Iris überschwemmte und alles mit sich riss. Das helle Gewölbe der Stirn und das Dunkel der Brauen ebenso wie den Schwung von Wangen, Nase, Lippen und Kinn. In seinen Gesten setzte es sich fort, auf denen seine Worte tanzten, wie Boote, die der Wind aus ihrem Schlaf geweckt hat, und in seinem Lächeln, das sein Gesicht, vom Mund bis zu den Schläfen hin, in eine Weite tauchte, in der keine Sonne unterzugehen und nichts zu Ende zu gehen schien.
Irgendwie hatte Jürgen es dann geschafft, sich an einem Wort, einem halben Satz oder an einer Bewegung ihrer Hand, wie an einer Liane, in ihr Gespräch zu mischen. Von da ab pendelte es zwischen den dreien, Harald und ihm hin und her, wobei er schließlich mehr und mehr Schwung, Inhalt und Richtung angab.
Den Schwung machte seine Lebhaftigkeit aus, den Inhalt sein Charme und sein funkelnder Witz, und die Richtung seine sprühende Fantasie, mit der er dieses Mädchen immer wieder zurückholte und die Mitte sein ließ, um die sie ihre Kreise zogen.
Auch wenn Jürgen es gerne gewollt hätte, gegen die Uhr hatte er keine Chance, mit seiner Lebhaftigkeit nicht, mit den Sternschnuppen nicht, die in seinen Augen kreuzten, mit dem Feuerwerk seiner Worte nicht, das zwischen ihnen abbrannte, und mit seinem Lachen nicht. Die Zeiger der Uhr hatten eine Wendemarke erreicht, an der ihnen nur noch blieb, sich von ihren leeren Gläsern, den überquellenden Aschenbechern, von den beiden Mädchen mit ihrem Begleiter und von ihrem letzten Geld zu trennen.
"Schade, aber es wird Zeit, sonst handeln wir uns noch eine Ausgangssperre ein."
"Wäre das so schlimm?"
"Sehr schlimm", bejahte Jürgen mit Nachdruck ihre halb herausfordernd klingende Frage, "besonders jetzt, wo es für mich auf jeden Landgang ankommt."
Flog ein Schatten durch ihr Gesicht, oder lag es nur an der Lampe, die er beim Aufstehen zum Schwingen gebracht hatte?
"Bleibt nur zu hoffen, dass Sie sich da nicht täuschen", warf ihre Freundin trocken ein, "dieses Bad hat schon öfter kalt gewirkt und mehr versprochen!"
"Selbst wenn", tat Jürgen diese Anspielung mit einer Handbewegung ab, "dafür hat dieser Abend schon gehalten, wovon noch gar nicht die Rede war."
Sie lachte.
"Nett übertrieben, klingt aber gut."
"Nicht überzeugt?"
"Nein, aber müssen wir ja auch nicht. Oder"? wandte sie sich fragend wieder der eigentlichen Mitte zu.
"Ganz sicher nicht", ließ auch diese sich auf das Geplänkel ein, auf die leicht amüsierte Art, mit der auch Harald dem Hin und Her zwischen ihnen gefolgt war, und auf die gute Miene ihres Begleiters zu diesem Spiel.
"Also, gute Nacht und guten Heimweg dann, es war nett, Sie kennen gelernt zu haben."
Mit dem Echo dieser und ähnlicher Komplimente im Rücken, nahm sie draußen der heftige Wind, der von der See herüber wehte, in Empfang und schob sie in Richtung Station auf dem vor Nässe glänzenden Asphalt vor sich her. Der Regen machte zum Glück gerade Pause, und viele weitere Worte, nach denen der letzten eineinhalb Stunden, lagen auch ihnen nicht mehr auf der Zunge.
Jürgen hatte sich in ein Selbstgespräch zurückgezogen, in dem ohnehin nur von ihr noch die Rede war und von den Bildern, die in ihm aus allen Teilen der Welt zusammenliefen, um in Zukunft, seinem Empfinden nach, nur noch verbunden mit ihr, gesehen, von ihm erfasst und verstanden werden zu wollen.
Erst nach zweimaligem Anlauf war es Harald deshalb gelungen, mit seiner Frage bis in sein Bewusstsein vorzudringen.
"Hast du überhaupt zugehört?"
"Entschuldige, nein, was hast du gesagt?"
"Ob du mir für morgen mit ein paar Mark aushelfen kannst, weil ich mich doch mit dem einen Mädchen verabredet habe und meine Geldanweisung nicht vor übermorgen hier sein kann?"
"Natürlich, kann ich, ich bekomme ja morgen von Martin noch Geld zurück. Für ein paar Tage wird es reichen! Außerdem habe ich bis Mittwoch Bereitschaft und sowieso keinen Ausgang."
"Danke, dann ist wenigstens das kein Hindernis mehr."
"Nun sieh das mal nicht so düster, sie wird schon kommen", meinte Jürgen ihn aufmuntern zu müssen, obwohl er gerade heute wieder an sich selbst feststellen musste, wie sehr solche Verabredungen gefährdet sind.
In demselben Lokal nämlich hatte auch er sich, gestern erst, ganz vage allerdings nur, für den kommenden Mittwoch verabredet und wusste seit vorhin, dass er dort warten würde, nun aber nicht mehr auf sie. Ganz wohl war ihm nicht dabei. Na, ja. Auch er war nicht zum ersten Mal versetzt worden. Und sicher war ja auch noch gar nicht, ob sie überhaupt kommen würde.
Vor ihnen tauchten die Lichter der Station auf. Nach kurzem Lauf und im letzten Zeigerruck meldeten sie sich atemlos beim Wachhabenden von Land zurück.
"Haarscharf, meine Herrn. Irgendwann schaffen Sie es doch noch, sich unrettbar in eine Ausgangssperre zurückzumelden!"
"Jawohl, Herr Bootsmann!"
Noch kurz unter die Dusche, dann in die Koje.
Es dauerte noch lange, ehe ihr Gesicht aus den Windgeräuschen und aus der weiter draußen rollenden See immer näher kam und mit ihm gemeinsam in seine Träume hinüber glitt.

* * *